Ohne Masterabschluss zum Co-Founder

Fabian Hediger ist in St.Gallen aufgewachsen und hat sich früh für Wirtschaft interessiert. So war es naheliegend, an der HSG zu studieren. Dabei hatte er – wie so viele andere – vor allem Consultingunternehmen und Grossbanken im Auge. Doch dann kam alles anders.

«Im Verlauf meines fünften Semesters habe ich ein Whitepaper von Satoshi Nakamoto gelesen und wurde sofort in den Krypto-Bann gezogen», sagt Fabian Hediger. Damals arbeitete er bei Quick-mail, um sein Studium zu finanzieren. Zeitgleich besuchte er eine Vorlesung in BWL, in der das Gartner-Hype-Cycle- Modell behandelt wurde. Zukunfts-weisende Technologien wie der 3D-Druck und künstliche Intelligenzen wurden behandelt, Themen wie Blockchain und Kryptowährungen kamen nicht vor. Das machte Fabian stutzig: «Ich habe nicht verstanden, wieso das nicht thematisiert wurde, da es für mich gerade das Coolste auf der ganzen Welt war.»

Bitcoin als Investment
Für Fabian war klar, er wollte Bitcoins kaufen. Die Optionen an der Börse in Japan und Slowenien fand er zu risikoreich, da er noch nie einen Auslandtrans-fer gemacht hatte. «Mir war wichtig, dass nichts schiefging, da ich das Geld hart erarbeitet hatte», erzählt Fabian. Das Schicksal wollte es, dass er genau zu diesem Zeitpunkt Niklas Nikolajsen kennenlernte, der gerade Bitcoin Suisse gegründet hatte. Von ihm konnte Fabian die Bitcoins einfach abkaufen. Niklas erwähnte nebenbei, dass er gerade mit Arbeit überflutet werde. Begeistert vom Unternehmen, schickte ihm Fabian eine Blindbewerbung und bot ihm seine Hilfe an. Er reiste für ein Gespräch nach Zug und legte damit den Grundstein für seine Karriere bei Bitcoin Suisse.


Entscheid zum Studienabbruch

Daneben schloss er sein Bachelorstudium ab und startete 2016 mit dem Master-programm in Accounting und Finance an der Universität St.Gallen. Die Firma
in Zug bestand aus fünf Personen, und es gab viel zu tun. «Ich musste meine bis dahin wohl schwerste Entscheidung treffen: Masterstudium oder Job bei Bitcoin Suisse?» Er entschied sich, das Studium abzubrechen. Sein Umfeld verstand den Entscheid nicht. Doch seine Begeisterung für Kryptowährungen trieb Fabian voran. 2017 kam der ICO-Hype. Innert kürzester Zeit verdiente Bitcoin Suisse 40 Millionen Franken und wuchs bis Ende 2017 auf 60 Mitarbeitende. Heute beschäftigt Bitcoin Suisse mehr als 320 Personen und hält Assets im Wert von über fünf Milliarden Franken.

Was ist ein ICO?

ICO steht für Initial Coin Offering. Es handelt sich um ein sehr ähnliches Konzept wie bei einem Börsengang (Initial Public Offering, IPO) und stellt eine Form von Crowdfunding für Unternehmen im Bereich der Kryptowährungen dar. Der Begriff wird oft auch im Zusammenhang mit «Token Sales» verwendet, einer Methode der Kapitalaufnahme, bei der Blockchain- basierte Token im Austausch gegen staatliche Währungen ausgegeben werden.


Vom Co-Founder zum Manager

Als Co-Founder bei Bitcoin Suisse war Fabian zu Beginn für praktisch alle Aufgaben zuständig. Mit dem Wachstum des Unternehmens wuchs er mehr und mehr in Führungs-aufgaben hinein und wurde Vorgesetzter eines grossen Teams. Gerade die fachliche Führung empfand er anfangs als Herausforderung: «An der HSG wurde ich zwar im Bereich Wirtschaft trainiert, aber von Software- und IT-Infrastruktur hatte ich keine Ahnung», erzählt Fabian. Auch darum würde er bei der Wahl der Studienfächer heute einiges anders machen: Er würde sich technisch orientieren und nicht nur die Fächer besuchen, die zum schnellen Abschluss führen.

«Ich muss zugeben, dass ich in meinen ersten Arbeitsjahren etwas frustriert war. Ich hatte etliche Stunden mit Studieren und in der Bib verbracht. So richtig anwenden konnte ich das erlernte Wissen aber nicht.» Dies änderte sich, als er mehr Führungsaufgaben übernahm. Vor allem die Präsentationsfähigkeit und das Denken in Modellen wendet Fabian heute fast täglich an. Die HSG konzentriert sich eher auf Grosskonzerne als auf Start-ups, findet Fabian. Da sich Bitcoin Suisse als Unternehmen und seine Stellung innerhalb der Firma inzwischen so stark verändert haben, kann er das Gelernte heute besser nutzen.

«Kleinere Unternehmen, vor allem im Start­-up-Bereich, können keine Karriere­-Events finanzieren, sind aber oft genauso spannend.»

Sich etwas zutrauen und loslassen können
Sein Tipp an Absolventinnen und Karriereeinsteiger? «Wer an der HSG studiert, ist zugunsten von grossen Unternehmen im Consulting- und im Banking-Bereich voreingenom-men.» Da sich diese Firmen einen permanenten Auftritt an der Universität leisten können, etwa an den HSG Career Days und Banking Days, werden Studierende automatisch in diese Richtung geleitet. Fabian empfiehlt zukünftigen Absolventinnen und Absolventen, sich intensiv mit der Frage auseinanderzusetzen, was zu einem passt.

«Kleinere Unternehmen, vor allem im Start-up-Bereich, können keine Karriere-Events finanzieren, sind aber oft genauso spannend», sagt Fabian. «Man muss aber die Persönlichkeit dazu haben.» Wichtig sei zudem, flexibel zu bleiben und sich nicht an einer Idee festzubeissen. So ist Fabians Karriere geprägt von vielen Veränderungen und von einem konstanten Loslassen. «Nur so kann man sich weiterentwickeln», ist er überzeugt. Seit knapp neun Jahren arbeitet er nun schon in seinem Traumjob.

Und worauf achtet Fabian bei der Rekrutierung von neuen Mitarbeitenden? «Das Wichtigste bei uns ist, dass sich Bewerberinnen und Bewerber mit Kryptowährungen identifizieren können. Bestenfalls bringen sie in dem Bereich bereits Vorwissen mit und glauben wie wir daran, dass die Welt mit diesen Währungen zum besseren Ort wird.»

Fabian Hediger ist Co-­Founder und Head Innovation bei Bitcoin Suisse AG, einem auf Krypto­ Assets spezialisierten Finanzdienst­leister mit Sitz im schweizerischen Zug. Er hat den Bachelor in Business Administration an der Universität St.Gallen abgeschlossen und wurde 2020 in die «Forbes»­DACH-­Liste «30 under 30» gewählt.

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