In den Flow kommen

Wie erkennen wir, was in uns steckt? Wie wissen wir, wohin uns unsere berufliche Reise führen könnte und was uns bei der Arbeit glücklich macht? Ansätze aus der Psychologie helfen, uns selbst und unser berufliches Potenzial besser einzuschätzen.


Kennst du dieses Gefühl? Du weisst, dass du gerade alles richtig machst, du fühlst dich am richtigen Ort im richtigen Moment. Du gehst vollkommen in deinem Tun auf und vergisst die Zeit. Diese Verschmelzung von Handlung und Bewusstsein nennt sich Flow. Gemeint ist damit kein hippes Schlagwort, sondern ein Begriff aus der Psychologie, der in den 1970er-Jahren von Mihály CsÍkszentmihályi geprägt wurde. Der Professor für Psychologie an der Universität Chicago untersuchte den kreativen Prozess von Künstlerinnen, Schachspielern, Klette-rinnen und Tänzern. Aber auch von Chirurginnen und Lehrern, die behaupteten, in ihrem Beruf vollkommen glücklich zu sein. CsÍkszentmihályi unterschied dabei zwischen intrinsischer Motivation, der aus sich selbst entstehenden Motivation, und einer von aussen initiierten, extrinsischen Motivation, die etwa durch Geld oder Prestige angekurbelt wird. Und auch wenn die intrinsische Motivation für das optimale Erleben einer Tätigkeit – den Flow – zwingend ist, können äussere Anreize diesen verstärken.  

Entscheidungshilfen

Für diejenigen, die jetzt in den Flow gekommen sind und sich selbst noch besser kennenlernen möchten, haben wir hier zwei weitere Tipps zur Klärung der eigenen Potenziale und Fähigkeiten.

Das Johari-Fenster
(Joseph Luft und Harry Ingham)
Das Johari-Fenster zeigt bewusste und unbewusste Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmale auf und unterscheidet dabei zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Das Fenster teilt sich in vier Bereiche auf: in den öffentlichen (das wissen ich und andere), den geheimen (das weiss nur ich) und den unentdeckten Bereich (das weiss niemand) sowie den blinden Fleck (das weiss ich nicht, aber die anderen). Be-sonders unser blinder Fleck birgt grosses Potenzial. Im Austausch mit Menschen um uns herum können wir Licht ins Dunkel bringen. So können wir unser Selbstbild justieren und entdecken neue Fähigkeiten.

Das Werte- und Entwicklungsquadrat
(Friedemann Schulz von Thun) Die Prämisse dieses Quadrats lautet: Jede menschliche Qualität, jede Tugend ist nur dann wirkungsvoll, wenn sie sich in einer Spannung zum positiven Gegenwert befindet. So braucht es neben der Sparsamkeit auch Grosszügigkeit, um nicht zum Geizhals zu verkommen. Mut driftet in den Leichtsinn ab, wenn man nicht ein Stückchen Vorsicht mit einbaut. Es kann somit immer ein «Zu viel des Guten» geben. Das heisst, wer von einer Qualität etwas zu viel hat, kann versuchen, sich von der gegenüberliegenden positiven Eigenschaft eine Scheibe abzuschneiden. Ein amüsantes, aber auch hilfreiches Gedankenspiel über das eigene Tun und Lassen.


Des eigenen Glückes Schmied
Klingt gut, oder? Im Flow sein. Eine berufliche Tätigkeit finden, bei der wir in unseren Aufgaben aufgehen und damit wachsen können. Einen Beruf finden, der uns glücklich macht. Dieses Glücksempfinden hat auch der US-amerikanische Psychologe Martin Seligman eingehend erforscht. Zusammen mit seinem Kollegen Christopher Peterson hat er 24 Charakterstärken definiert, die wir in uns haben und die bei uns allen individuell unterschiedlich ausgeprägt sind. Dazu gehören etwa Kreativität, Neugierde, Ausdauer, Tatendrang oder auch Führungsvermögen. Wenn wir dort ansetzen, wo unser Charakter besonders ausgeprägt ist, entsteht gemäss Seligman ein Gefühl der Authentizität: «Das bin wirklich ich.» Es entsteht Freude, und wir fühlen uns glücklich im eigenen Tun.

Laut dieser Theorie besitzt jeder Mensch drei bis sieben Signaturstärken, das heisst Charaktereigenschaften, die besonders ausgeprägt sind. Wenn wir uns dieser Signaturstärken bewusst sind und sie richtig einsetzen, stellen sich die fünf Glücksfaktoren wie von selbst ein: Wir spüren positive Emotionen, wir engagieren uns, fühlen uns verbunden mit anderen Menschen, finden Sinn in unserem Tun, und wir merken, dass wir etwas bewegen können. Wenn wir also herausfinden, wo wir ansetzen können, können wir uns in die Richtung orientieren, die uns glücklich macht (siehe auch Box «Inventar der Charakterstärken»). 

Inventar der Charakterstärken

Der Online-Fragebogen des Instituts für Persönlichkeitspsychologie der Universität Zürich hilft dir, deine persönlichen Charakterstärken zu ermitteln.


Die eigenen Begabungen erkennen
In der Berufs- und Studienberatung spricht man dabei vom persönlichen Potenzial. Wir alle haben eine Veranlagung oder natürliche Begabung für gewisse Dinge. Doch diese zu erkennen, ist gar nicht so einfach. Gemäss Aljoscha Neubauer, Professor für Differentielle Psychologie an der Universität Graz, sind wir erstaunlich schlecht darin, die eigenen Begabungen richtig einzuschätzen, besonders, wenn wir jung sind. Der Trugschluss liegt darin, dass wir meinen, dass das, was uns besonders interessiert, auch das ist, was wir gut können. Doch es ist nicht unbedingt dasselbe: «Es gibt immer wieder Menschen, die sich für etwas interessieren, für das sie eigentlich weniger begabt sind. Wenn ich für etwas begabt bin, heisst das, ich kann in diesem Bereich mehr Wissen und Fertigkeiten in kürzerer Zeit erwerben. Interessen hingegen sind ein kurzzeitigeres Phänomen», erklärt Aljoscha Neubauer. Gerade für Menschen, die sich hohe Ziele steckten, sei wichtig, auf ihre Begabungen zu setzen: «Einen Mangel an Begabung kann man allenfalls durch erhöhten Fleiss, Einsatz und verstärkte Motivation wettmachen, aber dies wird nicht in allen Bereichen gelingen.»

Der HSG Career Profiler

Du hast Fragen wie: «Wer bin ich? Was kann ich? Was zeichnet mich aus? Was ist mir wichtig? Welche Karrieremöglichkeiten passen zu mir? Wo will ich hin und wie komme ich Schritt für Schritt an mein Ziel?» Reflektiere mithilfe des HSG Career Profiler deine Arbeitswerte, Kompetenzen und Interessen und entwickle in unserem Format «Karriereorientierung» passende Karriereoptionen.


Für Aljoscha Neubauer ist klar: Neben fundierten psychologischen Tests zur Ermittlung der eigenen Begabungen sollten wir vor allem über unsere Berufs-wünsche sprechen und Erfahrungen sammeln. Nur so finden wir heraus, was wirklich zu uns passt: «Gerade im Studium gibt es die Möglichkeit, mit Lehrenden Rücksprache zu halten und sie zu fragen, wo sie einen sehen. Ich empfehle auch, mit Vertreterinnen und Vertretern der entsprechenden Professionen zu sprechen. Und es gilt auch hier das Motto: Probieren geht über Studieren.»

Drei Bücher zum Thema

Mihály CsÍkszentmihályi

Creativity: The Psychology of Discovery and Invention

HarperCollins US, 2013

Martin E.P. Seligman

Flourish: A Visionary Understanding of Happiness and Wellbeing

Free Press, 2012

Aljoscha Neubauer

Mach, was du kannst: Warum wir unseren Begabungen folgen sollten – und nicht nur unseren Interessen

Verlag DVA, 2018

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