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Es an die Spitze schaffen. Drei Viertel der HSG-Studierenden streben auch heute noch eine klassische Unternehmenskarriere an, wie unsere Umfrage zeigt. Allerdings verbinden sie den Aufstieg nicht mehr zwingend mit einem Vollzeitpensum. Wir fühlen Studierenden den Puls und fragen Persönlichkeiten nach ihrem Karriererezept.


Der Bündner Andreas Caminada hat alles erreicht, was ein Koch erreichen kann: 3 Michelin-Sterne, 19 GaultMillau-Punkte und die Listung unter den 50 besten Restaurants der Welt. Caminadas Rezept klingt so einfach wie die Anleitung zum Schmieren eines Butterbrots: «Wenn einiges sicher auch glückliche Fügung ist, ist der Grossteil des Erfolgs einfach harte Arbeit – und natürlich die Passion für den Beruf.» Die Leidenschaft für eine Sache ist ein bewährtes Karriererezept. Wichtig ist zudem, seine Stärken zu erkennen und auszuspielen. Barbara Kux, die seit Jahren in den Chefetagen deutscher DAX-Konzerne mitbestimmt, rät HSG-Studierenden: «Tut vor allem das, was euch Freude bereitet. Setzt auf eure eigenen Stärken. Dann stehen die Chancen gut.» Natürlich gehörten eine gute Ausbildung, Erfolgswillen, Mut, Einsatz und eine Prise Glück ebenfalls zu einer erfolgreichen Karriere, fügt Kux an.

«Am Anfang hat mich meine Leidenschaft und Freude für den Beruf motiviert. Als dann meine eigenen Ideen konkreter und meine Karriereziele klarer wurden, waren eine gewisse Aufopferung und Zeit, gepaart mit Durchhaltevermögen, unschätzbar wichtig für mich, um auch bei schwierigen Herausforderungen nicht auf­zugeben. Für die persönliche Leistung schwöre ich auf Kontinuität und eine konstante Qualität. Man muss, was das angeht, kompromisslos sein und darf sich für die notwendige Arbeit nie zu schade sein. Ich glaube, ich habe mir auch nach vielen Erfolgen immer eine gewisse Bescheidenheit bewahrt. Mein Beruf ist nach wie vor meine Passion, und ich würde alles nochmals genauso machen.»

Neue Karrieremodelle setzen sich durch
Bis vor einigen Jahren hiess Karriere schlicht: in einem Unternehmen möglichst an die Spitze kommen und viele Mitarbeitende führen. Diese Vorstellung von Karriere sei aktuell im Wandel, stellt Gerd Winandi-Martin fest, der sich seit zehn Jahren an der HSG mit dem Thema beschäftigt: «Die Generation der Millennials hat eine andere Erwartung an die Karriere. Heute ist die Selbstbestimmung ein zentrales Element der beruflichen Laufbahn. Der Wunsch, einfach nur nach ganz oben zu gelangen, ist aktuell weniger wichtig als auch schon», sagt der Leiter von Career & Corporate Services der Universität St.Gallen. Zudem müssen heute auch Sinn und Zweck eines beruf-lichen Engagements stimmen. «Die Frage nach dem Purpose eines Unternehmens wird heute viel häufiger gestellt. Vor zehn Jahren war das noch kein Thema», sagt Gerd Winandi-Martin.

«Mich hat ein Austauschjahr mit dem American Field Service in den USA während des Gymnasiums stark geprägt. Dann kamen erste Businesserfahrungen bei Nestlé, die MBA-­Weiterbildung am INSEAD und die Zeit als Beraterin bei McKinsey. Dort habe ich gelernt, Pro­bleme strukturiert zu lösen und strategisch zu denken. Daraufhin kamen Angebote mit weitreichenderen Auf­gaben – zum Beispiel nach dem Fall des Eisernen Vor­hangs der Aufbau des Osteuropageschäfts erst bei ABB und dann bei Nestlé, jeweils über Joint Ventures. Wenn das Ergebnis stimmt, kommen Angebote mit grösseren Herausforderungen. So kam ich mit meinen Schwerpunk­ten Supply Chain und Nachhaltigkeit erst bei Philips in die Unternehmensleitung und dann bei Siemens in den Vorstand. In einem guten Team gemeinsam grosse Auf­gaben zu bewältigen und Erfolg zu haben, das war und ist mir eine grosse Bereicherung.»


Top-Management in Teilzeit
Die Karrierewünsche der HSG-Studierenden bleiben einerseits traditionell, zeigen aber erste Anzeichen des Wandels. Eine nicht repräsentative Umfrage* von My HSG Career vom März 2022 zeigt: 77 Prozent der Befragten streben noch immer eine klassische Unternehmenskarriere an. 45 Prozent können sich jedoch einen Spitzenjob im Teilzeitpensum vorstellen. Der Karriereexperte staunt: «Für eine Business School ist dieses Resultat bemerkenswert. Der Wunsch nach Teilzeitarbeit auch in Top-Positionen entspringt dem Bedürfnis, in seinem Leben Platz für anderes zu lassen. Es zeigt, dass die Selbstbestimmung aktuell zu den wichtigsten Werten gehört. Früher waren vor allem Macht und Leistung im Fokus», sagt Gerd Winandi-Martin. Für ihn handelt es sich dabei um eine gute Entwicklung, die allerdings eine hohe Eigenverantwortung der zukünftigen Berufsleute erfordert. «Es geht nicht darum, dass Millennials weniger leisten wollen, das wäre falsch verstanden. Die junge Generation will in einem anderen Setting arbeiten und die Zeit freier einteilen. Hier sind neue Modelle gefragt.»

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*CSC-Umfrage auf Instagram
Die Umfrage wurde am 16. März 2022 vom CSC durchgeführt.
Über 200 Personen machten mit, davon waren 65 Prozent Männer.
83 Prozent der Teilnehmenden gaben an, an der HSG zu studieren.


Tatsächlich beginnen Unternehmen, sich diesem Trend anzupassen. Top-Positionen können zusehends auch mit einem Teilzeitpensum erreicht werden. Die freiere Einteilung des Arbeitsorts und der Arbeitszeiten, während der Coronapandemie beschleunigte diese Entwicklung: «Nach der Homeoffice-Erfahrung während der Lockdowns kann man das Rad nicht mehr zurückdrehen. Besonders die Berufseinsteigerinnen und -einsteiger lassen sich nicht mehr in alte Strukturen zwängen», sagt Gerd Winandi-Martin.

Neues Verständnis von Führung
Gemäss der Online-Umfrage von My HSG Career wollen 34 Prozent der Studierenden später viele Mitarbeitende führen. Daraus könnte man schliessen, dass weit über die Hälfte dies eben gerade nicht wollen. Gerd Winandi-Martin relativiert: «Dieses Ergebnis kam wohl zustande, weil sich die Rolle der Führungsperson ändert. Die Chefinnen und Chefs von morgen sehen sich eher als Coach denn als Boss. Sie moderieren mehr, als dass sie Anweisungen erteilen. Deshalb gaben wohl viele Studierende an, nicht viele Leute führen zu wollen.»

«Ich bin in einem Hotel aufgewachsen, und für mich war immer klar, was ich einmal machen möchte. Meine Kochlehre und die Hotelfachschule habe ich in Lausanne durchlaufen. Der Vorteil in unserer Branche ist, dass wir auf der ganzen Welt einsetzbar sind. Entsprechend habe ich in Amerika, Asien und Europa weitere internationale Erfahrungen gesammelt. Jeder Weg verläuft anders. Alle, die eine Karriere in der Hotellerie machen, haben aber eines gemein: Professionalität, Überzeugung und Herzblut. In unserer Branche braucht es sehr viel Empa­thie, um auf die Bedürfnisse der Gäste einzugehen. Erfolgreiche Unternehmerinnen und Unternehmer sind die, die ihre Mitarbeitenden und letztendlich die Gäste für die Ideen und Visionen begeistern können.»

Dass starre hierarchische Strukturen hinderlich sein können, hat auch der Basler Pharmariese Novartis gemerkt. Als der neue CEO, Vasant Narasimhan, vor vier Jahren die Konzernleitung übernahm, musste er erst einmal über die Bücher. Die Produkt-Pipeline war nicht mehr gefüllt, die Mitarbeitenden in ihren jeweiligen Rollen erstarrt. Eine jahrelange Befehlskultur hatte sowohl Engagement wie auch Kreativität der Mitarbeitenden gelähmt. Narasimhan adaptierte das Konzept «Unboss» des dänischen Unternehmers Lars Kolind und ist seither daran, die Unternehmenskultur bei Novartis umzukrempeln. Das zentrale Element: die Eigenverantwortung der Mitarbeitenden stärken und die Chefs als Coaches aufbauen. Sie sollen Ermöglicherinnen und Ermöglicher werden, statt Anweisungen zugeben. 

Neue Anforderungen an Chefs
Das Konzept «Unboss» geht für Antoinette Weibel in die richtige Richtung: «Ich propagiere die führungslose Organisation nicht, aber eine umgekehrte Hierarchie einzuführen, wo ich als Führungsperson meine Leute beschütze, statt ihnen Anweisungen zu geben, widerspiegelt den Zeitgeist und entspricht viel eher den heutigen Erwartungen der Menschen an einen Arbeitgeber.» Antoinette Weibel ist überzeugt, dass wir auch in Zukunft von «Karriere» sprechen werden, wenn jemand im Beruf erfolgreich ist und Prestige erlangt, aber die Karrieretreppen werden öfter mal abzweigen, Zwischenböden aufweisen und ab und zu ums Eck weiterführen.

«Zuerst sollte man herausfinden, welcher Job und welche Karriere zu einem passen. Sich zu früh auf etwas Bestimmtes zu konzentrieren, birgt aber die Gefahr, die besten Chancen zu verpassen. Ich empfehle Studierenden, die am Anfang ihrer Laufbahn stehen, eine Recherche durchzuführen. Wenn Bewerberinnen und Bewerber konsequent nach dem Senioritätsprinzip eingestellt werden und die erfahrensten Kolleginnen und Kollegen zuerst befördert werden, müssen junge Leute viel Geduld aufbringen, wenn sie eine Führungs­position anstreben. Ich selbst habe meine Erfahrungen vor allem in den USA gemacht und sehe hier viele Möglichkeiten. Unabhängig von der Universität und dem Land rate ich Studierenden, ihren Bachelor und ihren Master an einer anderen Universität zu machen als ihr Doktorat. Im gleichen Ökosystem zu bleiben, ist zwar bequem, schränkt aber den Lernprozess ein. Und es verringert die Breite des Netz­werks im Vergleich zu jemandem, der sich bewegt.»

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